Polio-Wildviren in Abwasserprobe in Hamburg gefunden
Bei einer routinemäßig entnommenen Abwasserprobe in Hamburg hat das Robert Koch-Institut (RKI) im Oktober Poliomyelitis-Wildviren gefunden. Dieser Fund von Erregern der so genannten Kinderlähmung ist ungewöhnlich und gibt Anlass für eine Vorsichtsmaßnahme, wie das Gesundheitsamt des Landkreises Gießen mitteilt.
Zwar wurden im vergangenen Jahr mehrfach Polioviren im Abwasser verschiedener deutscher Städte und auch im europäischen Ausland gefunden, dabei handelte es sich aber stets um Polio-Viren, die von Schluckimpfungs-Viren abstammten. Sowohl Polio-Wildviren als auch veränderte Schluckimpfungsviren können möglicherweise Menschen infizieren und zur Kinderlähmung führen, sofern die Personen gar nicht oder nicht vollständig geimpft sind.
Auch geimpfte Menschen können Krankheit übertragen
In Deutschland wird seit 1998 ausschließlich ein inaktivierter Polio-Impfstoff eingesetzt, der gespritzt werden muss. Die Impfquoten sind sehr hoch. Das RKI warnt dennoch: Eine vollständige Poliomyelitis-Impfung mit dem Totimpfstoff schützt zuverlässig vor der Erkrankung, jedoch nur eingeschränkt vor einer Ansteckung und Weitergabe der Erreger. So könnten möglicherweise auch infizierte Menschen ohne Beschwerden ungeimpfte Menschen anstecken. Die Ansteckung erfolgt hauptsächlich über direkten Kontakt mit Infizierten und über kontaminierte Oberflächen.
Dr. Sophie Ruhrmann vom Gesundheitsamt Gießen ordnet die RKI-Meldung ein: „Die Polio-Funde im Abwasser des vergangenen Jahres bedeuten: Kinderlähmung könnte auch in Deutschland wieder ein Thema werden. Bitte prüfen Sie Ihren eigenen Impfschutz und den Impfschutz Ihrer Kinder.“
Mit Impfpass zum Haus- oder Kinderarzt
Auch Frank Ide, Gesundheitsdezernent im Landkreis Gießen, bittet die Bevölkerung: „Gehen Sie zu Ihrer haus- oder kinderärztlichen Praxis und nehmen Sie den Impfpass mit. Lassen Sie sich beraten und schließen Sie mögliche Impflücken.“ Kindern sollten mindestens drei Impfdosen (meist als Kombinationspräparat) verabreicht worden sein, Jugendliche und Erwachsene sollten mindestens viermal geimpft sein.
Seit Anfang der 1990er-Jahre gab es keine Poliomyelitis-Erkrankungen mehr in Deutschland. Sophie Ruhrmann appelliert: „Kaum jemand erinnert sich noch an Fälle von Kinderlähmung oder an Behandlungen mit der eisernen Lunge. Sorgen wir dafür, dass Kinderlähmung weiterhin ein Thema der Vergangenheit bleibt!“