Gedenken auf jüdischem Friedhof an Reichspogromnacht

Nach der positiven Resonanz im Vorjahr fand zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 wieder ein stiller Fußmarsch mit anschließender Kranzniederlegung auf dem jüdischen Friedhof im Fortweg in Watzenborn-Steinberg statt.

Über 40 Personen fanden sich am Treffpunkt auf dem Vorplatz der katholischen Kirche St. Martin ein. Nach einer Begrüßung durch Pfarrerin Jutta Hofmann-Weiß und Pastoralreferentin Dr. Kerstin Rehberg-Schroth setzte sich der Marsch zum jüdischen Friedhof in Bewegung. Kerzen und Steine wurden nach der Kranzniederlegung durch Bürgermeister Andreas Ruck an der Gedenk-Stele von den teilnehmenden Bürgern und Bürgerinnen abgelegt. Musikalisch umrahmten Carlotta-Marie Kunz und Eva Hackert die einstündige Gedenkfeier mit drei getragenen Geigenstücken.

Im Namen derer, die sich in diesen schwierigen Zeiten uneingeschränkt zur deutschen Verantwortung gegenüber dem jüdischen Leben in Deutschland und der Welt bekennen, begrüßte der Bürgermeister die Besucher der Gedenkfeier. Er rief in Erinnerung, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Schergen der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft Synagogen in Brand gesetzt hatten. In seinen Ausführungen gab er einen kleinen Einblick in die Geschichte der Synagoge in Watzenborn-Steinberg.

„Wir müssen beschämt sein, dass so etwas vor unseren Augen geschehen konnte. Die Reichspogromnacht war der vorläufige Höhepunkt der antisemitischen Hetze und Verfolgung, die von der NSDAP befeuert und seit Anfang der 1930er Jahre vor allem von der SA auf die Straße getragen wurden", sagte Ruck. "Spätestens seit dem 9. November 1938 waren alle Schleusen der Ungeheuerlichkeit geöffnet: Organisierte Schlägertrupps zerstörten jüdische Geschäfte und Gotteshäuser, sie plünderten Wohnungen jüdischer Menschen. Sie misshandelten, verhafteten und töteten in diesen Tagen Tausende Jüdinnen und Juden. Spätestens jetzt konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus staatsoffiziell geworden war. Diese Nacht war die Abkehr von Humanität, Zivilisation und jeglicher Moral in Deutschland. Das Signal zum größten Völkermord in der Weltgeschichte.“

Beschämende Momente deutscher Geschichte

Ruck weiter: „Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gehört zu den schlimmsten und beschämendsten Momenten der deutschen Geschichte. Natürlich: Im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte, war sie nur ein schrecklicher Vorbote. Wir müssen frei und sicher in Deutschland leben können. Das gehört auch zu unserer Verantwortung für unsere Vergangenheit und zu der Zukunft unserer Werte.“

Wie Hofmann-Weiß und Rehberg-Schroth in ihren Gedenkworten und Gebeten hervorhoben, gehörten die Menschen jüdischen Glaubens zu uns. Auch in Pohlheim sei es zu Judenhass gekommen. Orte der Erinnerung seien nötig, auch wenn es schmerze, so Rehberg-Schroth.

Pfarrerin Hofmann-Weiß stellte die Frage: „Wann ist Erinnerung auch Lösung?“ Persönliche Erinnerungen aufrechtzuerhalten, sei ganz wichtig. Dazu gehöre auch, die Namen zu hören, die auf der Stele und auf Stolpersteinen stünden. Simone van Slobbe von der Initiative "Stolpersteine" betonte, dass man gemeinsam an die jüdischen Familien denken solle, deren Namen sie vorgetragen habe.