Langjährige Leiterin Sabine Müller verabschiedet sich in den Ruhestand
38 Jahre Jahre lang hat sie große und kleine Leseratten begrüßt, Bücher empfohlen, Tausende Medien verwaltet und enorme technische Veränderungen miterlebt. Nun nimmt Sabine Müller als Leiterin der Pohlheimer Stadtbücherei Abschied und schlägt selbst ein neues Kapitel auf: den Ruhestand.
An ihren ersten Arbeitstag erinnert sich die gebürtige Holzheimerin noch ganz genau. „Das war am 4. Juli 1988. Da habe ich eine ABM-Stelle angetreten, also eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.“ Gut anderthalb Jahre später wechselte sie bereits in eine Festanstellung. 2005 wurde ihr die Leitung der Stadtbücherei übertragen. Sie folgte damit auf Christa Euler, die die Einrichtung seit 1976 geleitet hatte. Damals betrieb die Stadt Pohlheim noch in jedem der fünf anderen Stadtteile eine Außenstelle mit ehrenamtlichen Kräften. Die Hauptstelle war zu diesem Zeitpunkt bereits in der Alten Schule in der Ludwigstraße in Watzenborn-Steinberg untergebracht – und ist dort bis heute zu Hause.
Sabine Müller hat seit ihrem Einstieg praktisch jede technische Neuerung in der Bücherei miterlebt: von analogen Katalogen und handschriftlich ausgefüllten Buch- und Lesekarten bis hin zur vollständigen Digitalisierung. Wenn sie von den Anfängen erzählt, klingt dabei auch ein wenig Wehmut mit. „Als ich anfing, gab es ja noch kein elektronisch erfasstes Buchverzeichnis. Für jedes angeschaffte Buch wurde auf der Schreibmaschine eine Katalogkarte angelegt – mit Signatur, Autor, Titel und bibliografischen Angaben wie Verlag, Erscheinungsdatum und Seitenzahl. Das hat mir richtig Spaß gemacht.“
Medienvielfalt sorgte für neuen Boom
Mitte der 1990er-Jahre nahm die technische Weiterentwicklung dann Fahrt auf und nach der Jahrtausendwende gehörte die Ausleihe per PC schließlich zum Alltag. Nicht nur die Technik, auch die Medien selbst haben sich im Laufe der Jahrzehnte grundlegend verändert. „Früher hatten wir neben Büchern vor allem Audiokassetten mit Hörspielen im Bestand. Dann kamen die Videokassetten und CDs. Es war einfach irre, was wir da an Ausleihen hatten“, erinnert sich Müller.
Auch bei den Reservierungen lief damals noch alles analog. Bei Neuerscheinungen oder Rückgaben konnten sich Leserinnen und Leser bereits Bücher vormerken lassen. „Da wurden dann Zettelchen mit Kundennamen geschrieben und an die Buchkarte geheftet, damit man das nicht vergisst.“ Inzwischen ist auch diese Form der Vormerkung längst Geschichte.
Das gedruckte Buch sieht Sabine Müller trotz aller Digitalisierung noch lange nicht auf dem Rückzug. „Wir haben immer noch ganz viele Leserinnen und Leser, die sich in dieser Form Bücher ausleihen.“ Besonders freut sie sich über Familien, die mit ihren Kleinkindern in die Stadtbücherei kommen und sich mit Bilderbüchern eindecken. Von den insgesamt rund 48.000 Ausleihen pro Jahr entfallen immerhin etwa 40.000 auf den Präsenzbestand vor Ort.
Stets auf Kundenwünsche reagiert
Seit inzwischen zehn Jahren können Leserinnen und Leser ihre Ausleihen bequem von zu Hause aus über ein persönliches Nutzerkonto verwalten, Medien vormerken oder sich informieren, welche Neuerscheinungen angeschafft wurden. Rund 500 neue Bücher kommen jedes Jahr hinzu. „Da reagieren wir nach wie vor auch auf Kundenwünsche“, sagt die scheidende Leiterin. Diesen persönlichen Kontakt sieht Müller ohnehin als einen großen Vorteil gegenüber einer Großstadtbibliothek. Besonders gefragt waren ihre umfassende Kenntnis des Literaturmarktes und ihre Buchtipps.
Persönlicher Buchtipp statt Blick auf den Klappentext
„Ich habe sehr viele neue Bücher auch selbst gelesen. Deswegen wusste ich, welchen Stil ein Autor hat und welche Lektüre ich welchen Lesern weiterempfehlen kann“, erzählt sie. Nicht selten steuerten Besucherinnen und Besucher in der Bücherei direkt auf Sabine Müller zu: „Sie fragten mich gleich, ob ich ein Buch für sie habe. Das wurde dann auch umgehend ausgeliehen.“ Eine gute Empfehlung – davon war die belesene Buchexpertin überzeugt – braucht schließlich mehr als einen Blick auf den Klappentext.
Wenn Sabine Müller am 1. Oktober offiziell in Rente geht, steht ihre Nachfolgerin bereits in den Startlöchern. Es ist Denise Hess, die 2014 als Minijobberin in der Stadtbücherei anfing und seit 2023 in Teilzeit auch das Stadtarchiv betreut. Nun übernimmt sie mit einer Vollzeitstelle die Leitung der Stadtbücherei. Unterstützt wird sie von den bewährten Teilzeitkräften Silke Nöh und Jutta Jost sowie seit August dieses Jahres von Sophia Victoria Werner als erster Auszubildender der Stadt Pohlheim im Bereich Medien- und Informationsdienste.
Sabine Müller hat sich für ihren Ruhestand derweil fest vorgenommen, nicht „in die Verlängerung“ zu gehen. Der Stadtbücherei möchte sie künftig nur als Kundin verbunden bleiben. Ganz leicht fällt ihr dieser Abschied nicht. Dennoch überwiegt die Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt. „Nun beginnt für mich ein neues Kapitel – und das Schöne daran: Es gibt keinen Abgabetermin, keine Öffnungszeiten und hoffentlich auch keine Mahngebühren!“