Pohlheimerin Alesia Grieb recherchierte zu NS-Massaker in der Ukraine

Die 20-jährige Pohlheimerin Alesia Grieb hat in einem Ausstellungsprojekt ein Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg recherchiert. Zugleich setzt sie sich mit der heutigen Erinnerungskultur auseinander.

Das Interesse an Geschichte entwickelte sich bei Alesia Grieb vor allem in der Oberstufe. Besonders verfolgte sie die gesellschaftlichen Debatten über Erinnerungskultur, den Rechtsruck und die sogenannte Schlussstrich-Mentalität. „Für mich war es wichtig, dieses Thema gesellschaftlich wach zu halten“, erzählt sie. Deshalb habe sie bereits während ihrer Schulzeit an der Gießener Ostschule mehrere Veranstaltungen zur Erinnerungskultur besucht.

Ihre damalige Geschichtslehrerin Katja Seidel griff dieses Interesse auf und gab ihr im Abitur ein Thema, das sich genau mit dieser Problematik befasste: die Ermordung von fast 34.000 Männern, Frauen und Kindern in der Schlucht Babyn Jar nahe der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw (Kiew) im Jahr 1941. Das Ereignis gilt als das größte einzelne Massaker der Nationalsozialisten an Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs.

Im Mittelpunkt stand neben den Gräueltaten die Frage, wie in der Ukraine und zuvor in der Sowjetunion an dieses Verbrechen erinnert wurde. Dass ein Teil ihrer Familie aus der Ukraine stammt, habe ihr zusätzlich einen persönlichen Bezug zu dem Thema gegeben, so Grieb.

Ausstellungsprojekt nimmt sich Erinnerungskultur vor

Während ihrer Recherchen stellte die Schülerin fest, dass das Massaker im deutschen Schulunterricht kaum behandelt wird. Deshalb suchte sie nach einer Möglichkeit, ihre Arbeit über den schulischen Rahmen hinaus fortzuführen. Fündig wurde sie bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die Projekte zur Aufarbeitung der NS-Zeit fördert. Dank der finanziellen Unterstützung und der Zusammenarbeit mit Geschichtsstudierenden konnte sie dazu eine Ausstellung realisieren.

Die Forschungen entwickelten sich zu einem umfangreichen wissenschaftlichen Projekt. Grieb arbeitete sich durch zahlreiche Fachbücher und wissenschaftliche Artikel und suchte den Austausch mit Historikern aus Deutschland und der Ukraine. Vom Start in das Projekt bis zur letztendlichen grafischen Gestaltung der Ausstellungsplakate vergingen rund acht Monate. Täglich investierte sie drei bis vier Stunden in die inhaltliche Ausarbeitung.

Gräueltaten systematisch verdrängt

„Bei meinen Forschungen ist mir besonders aufgefallen, dass viele NS-Verbrechen außerhalb Deutschlands und außerhalb der Konzentrationslager stattfanden – insbesondere in Osteuropa. Dieses Wissen ist vielen Menschen kaum bewusst“, so die Schülerin. In Deutschland seien die Gräueltaten zunächst verschwiegen und später aufgearbeitet worden, ist ihre Bewertung. „In der Sowjetunion wurden sie lange Zeit systematisch verdrängt.“ Gerade diesen unterschiedlichen Umgang mit der Vergangenheit sieht sie als einen wesentlichen Bestandteil ihrer Projektarbeit.

Ihre Ausstellung ist chronologisch aufgebaut. Sie beginnt mit dem Massaker von Babyn Jar und den Verbrechen der Nationalsozialisten in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs. Anschließend beleuchtet sie die Erinnerungspolitik in der Sowjetunion. Erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine entstanden Denkmäler und Gedenkinitiativen, die zuvor unterdrückt worden waren. Im letzten Teil wird der Blick auf aktuelle Erinnerungskonflikte im Zusammenhang mit dem aktuellen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gerichtet.

„Geschichte wird immer wieder missbraucht“

Nach Einschätzung der Schülerin werde die Erinnerung an Babyn Jar und die verschiedenen Opfergruppen heute teilweise instrumentalisiert, um verschiedene Positionen im Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu legitimieren. Insbesondere von russischer Seite werde Geschichte für propagandistische Zwecke genutzt.

„Mir ist bewusst, dass diese Einschätzung kontrovers diskutiert werden kann. Dennoch halte ich es für wichtig, solche Entwicklungen offen anzusprechen. Menschen sollen wissen, dass Geschichte nicht nur etwas Vergangenes ist oder etwas, woraus man lernen sollte, sondern auch immer wieder missbraucht wird“, betont Grieb. Deshalb trage die Gesellschaft eine besondere Verantwortung, sensibel mit historischen Ereignissen umzugehen.

Ausstellung in Gießen und Pohlheim zu sehen

Die Ausstellung von Alesia Grieb soll in Kürze erstmals öffentlich präsentiert werden. Den Auftakt bildet eine fünftägige Schau vom 17. bis 21. August im Atrium des Gießener Rathauses, das während der Öffnungszeiten des Rathauses zugänglich ist. Anschließend kann die Ausstellung nochmals besucht werden im Pohlheimer Heimatmuseum, Ludwigstraße 22, in Watzenborn-Steinberg. Die Öffnungszeiten dort sind am Freitag, 28. August, von 16 bis 19 Uhr sowie am Samstag, 29. August, und Sonntag, 30. August, jeweils von 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.