Was man nicht sieht, kann trotzdem eine Barriere sein

Der 20. Oktober ist der Tag der nicht sichtbaren Beeinträchtigungen. Rund um diesen Tag machen viele Initiativen auf die Einschränkungen aufmerksam.

Auch wenn Beeinträchtigungen von außen nicht erkennbar sind, können sie für Betroffene eine große Belastung darstellen. Ihre Auswirkungen werden häufig unterschätzt. Der Landkreis Gießen nimmt den Aktionstag zum Anlass, auf Barrieren aufmerksam zu machen, die im Alltag oft unbemerkt bleiben.

Dazu gehören zum Beispiel Neurodivergenzen wie ADHS und Autismus. Für Betroffene können Situationen zur Hürde werden, die für andere selbstverständlich erscheinen: ein Großraumbüro oder Klassenraum mit ständig wechselnden Geräuschen, unklare Aufgabenstellungen oder ein Gespräch, in dem unausgesprochene soziale Regeln erwartet werden.

Beirat Impulsgeber für Teilhabe 

Der Landkreis Gießen setzt sich dafür ein, Teilhabe in unterschiedlichen Lebensbereichen zu verbessern. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Beirat für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Er verstehe sich als Impulsgeber mit dem Ziel, Teilhabe und Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen zur gelebten Praxis zu machen, erklärte Geschäftsführer Michael Volter.

Dazu berät der Beirat die politischen Gremien des Landkreises und entwickelt Vorschläge für den kommunalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Menschen mit sichtbaren und nicht sichtbaren Behinderungen wirken im Beirat mit. So können sie ihre Erfahrungen und Bedürfnisse unmittelbar einbringen.

Mehrere Projekte sorgen für mehr Selbstbestimmung

Kreissozialdezernent Frank Ide dankte dem Beirat und allen Mitstreitenden für ihr Engagement. Dank ihrer Impulse seien im Kreisgebiet bereits mehrere Projekte entstanden, die erste Früchte tragen. Ein wichtiger Bereich ist zum Beispiel die Arbeitswelt.

Mit dem DUOday bringt der Landkreis Menschen mit Beeinträchtigungen und Arbeitgeber zusammen. Für einen Tag bilden sie ein Duo und lernen gemeinsam den Arbeitsalltag kennen. Das schafft persönliche Begegnungen, kann Vorbehalte abbauen und den Blick der Arbeitgeber für Fähigkeiten und Potenziale öffnen.

Noch ganz jung im Landkreis Gießen ist der Teilhabe-Champion. Im November wird erstmals ein Betrieb ausgezeichnet, der Inklusion im Arbeitsleben vorbildlich umsetzt. Die Auszeichnung orientiert sich an einem bereits im Lahn-Dill-Kreis etablierten Konzept. Sie rückt Unternehmen in den Mittelpunkt, die Menschen mit Behinderungen Chancen bieten und ihnen Wertschätzung entgegenbringen.

Zu den Kriterien zählen Vielfaltsförderung, eine inklusive Unternehmenskultur, Chancengleichheit und innovative Ansätze. Gute Beispiele werden mit der Auszeichnung als Teilhabe-Champion sichtbar und können andere Arbeitgeber zum Nachahmen ermutigen.

Auch im Alltag können vergleichsweise kleine Veränderungen viel bewirken. Auf Anregung des Beirats unterstützt der Landkreis die Stille Stunde. Dabei werden zum Beispiel im Supermarkt für einen bestimmten Zeitraum unter anderem Licht und Geräusche reduziert. Bislang beteiligen sich offiziell einige Rewe-Märkte im Landkreis. Doch das Prinzip lässt sich weiterdenken: Auch kleinere Geschäfte und Dienstleister können reizarme Zeiten anbieten sowie aufmerksam und verständnisvoll auf unterschiedliche Bedürfnisse der Kundschaft eingehen.

Inklusion beginnt mit Aufmerksamkeit

Beirat, DUOday, Teilhabe-Champion und Stille Stunde setzen an unterschiedlichen Stellen an. Gemeinsam zeigen sie: Inklusion entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme. Sie beginnt mit Aufmerksamkeit und der Bereitschaft, gewohnte Strukturen zu hinterfragen. Die Aktionen rund um den 20. Oktober erinnern daran: Eine Barriere muss nicht sichtbar sein, um Teilhabe zu erschweren.